„Zum ersten Mal haben wir nicht allen Menschen helfen können.“

Hinter uns liegt ein aufwühlender Einsatz, bei dem wir zwar viele Menschen retten konnten aber leider auch drei Menschen starben. Vor den Augen unserer zweiten Crew in diesem Jahr ereignete sich am späten Abend des 28. März das Bootsunglück. Nach einem Notruf eilten wir am späten Nachmittag zur Unglücksstelle und fanden ein überladenes und manövrierunfähiges Metallboot vor. Umgehend wurde unser Beiboot gestartet, das Dinghy-Team steuerte das Geflüchtetenboot an und begann mit der Ausgabe von Rettungswesten an die Menschen. In einer ersten Kontaktaufnahme mit den Geflüchteten hieß es dann über Funk an die TROTAMAR III: es ist Wasser im Boot, es hat Schlagseite, es droht zu sinken. 45 Menschen sind an Bord, darunter auch Kinder.

Noch bevor alle Menschen an Bord eine Rettungsweste von uns erhalten konnten, kenterte das Boot. Diese Metallboote sind besonders gefährlich, denn sie sinken in Sekundenschnelle, wie ein Stein im Wasser. Die Menschen schwammen im Wasser, viele hatten glücklicherweise alte Autoschläuche um sich, andere klammerten sich an unserem Beiboot fest oder kletterten hinein. Schnell fuhren wir mit der TROTAMAR III dichter heran und warfen unsere CentiFloats zu den Schwimmenden, diese 6 Meter lange Rettungsschläuche, an denen sich mehrere Personen auf einmal festhalten können. Am Ende dieser tragischen Rettungsaktion befanden sich an Bord der TROTAMAR III 31 Menschen, die wir erstversorgen konnten. Während der Rettung erreichte ein Schiff der Küstenwache den Ort und nahm weitere 11 Geflüchtete aus dem Wasser an Bord. Nach einer ersten Bestandsaufnahme war klar: es fehlen noch Menschen. Sofort begannen beide Schiffe die Suche und konnten eine weitere Person, an eines unserer CentiFloats geklammert und abgetrieben, retten. Doch für drei Geflüchtete kam jede Hilfe zu spät.

Am nächsten Tag schrieb die Presse, dass ein 4 Monate altes Kind darunter gewesen sei. Ob das stimmt, wissen wir nicht. Wir haben in der Nacht die Menschen an das italienische Küstenwachschiff übergeben – damit endete unser Kontakt zu den Geretteten. In der Regel werden sie auf Lampedusa medizinisch versorgt und registriert, um dann mit vielen anderen auf einer großen Fähre auf das italienische Festland gebracht zu werden.

Die Rettungsleitstelle in Rom, die über jeden unserer Einsätze informiert wird, ordnete wenige Stunden nach Ende der Rettung an, dass wir „unverzüglich“ nach Lampedusa kommen müssen. Im Propeller der TROTAMAR III hatte sich eine Leine verfangen, der Motor lief nicht mehr, also segelten wir. Auch der Motor des Beiboots ließ sich nicht mehr starten, er hatte Wasser gezogen. Beide CentiFloats und diverse Rettungswesten waren in der Dunkelheit abgetrieben und sind verschwunden. Auf Lampedusa musste Skipper Matthias bei den Behörden vorstellig werden, doch eine Kriminalisierung folgte nicht. Die Crew reparierte unterdessen die Motoren, entfernte die Leine aus dem Antriebspropeller. Doch einige Beschädigungen bleiben.

„Zum ersten Mal haben wir nicht allen Menschen helfen können.“

Dieser Einsatz geht an niemandem spurlos vorbei, erst recht nicht an denen, die direkt daran beteiligt gewesen sind. In Lampedusa haben wir beschlossen, die Heimreise zu beginnen. Wir setzten Segel mit Ziel Licata, um das Erlebte aufzuarbeiten.

Jedes verlorene Leben auf der Flucht ist eines zu viel. Wir segeln gegen die Festung Europa – für eine Bewegungsfreiheit für alle Menschen. Wir fordern sichere Fluchtwege statt Mauern und Grenzen. In ein paar Wochen sind wir zurück, um die zivile Seenotrettung im Mittelmeer weiter zu unterstützen. Wir danken allen Beteiligten für ihre Unterstützung und sind in Gedanken bei denen, die es nicht nach Europa schaffen konnten sondern ihr Leben im Meer gelassen haben.

Ihr alle wisst, unsere Einsätze kosten uns viel Geld. Nach diesen Erlebnissen haben wir einige Spenden bekommen, für die wir uns herzlich bedanken. Doch der nächste Einsatz beginnt schon bald und das Geld dafür ist knapp. Wir würden uns sehr freuen, wenn du uns noch einmal unterstützen könntest.

Spende hier: https://compass-collective.org/#spenden

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